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Jun 05

Kim Jong Meta

BÄM! Krit! ROFL Althhheeeeer!
Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber ich wünsche mir die Zeiten zurück in denen man ähnliche Sätze im Chat lesen „durfte“. Nun ja, was man heute liest, grenzt an allgemein akzeptierte bodenlose Frechheit. Denn heute spielt man META! Meta ist kein neues Spiel. Meta wird auch nicht an dunklen Orten von Bikergangs verkauft. Meta ist die Community-geschaffene Dekonstruktion der Vielfalt!

 

meta

 

Guild Wars 2 bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten, 19 Waffen, 8 Klassen (bald 9) und unendliche Wertekombinationen bei Rüstungssets und von verschiedenen Skillungen fang ich gar nicht erst an. Es ist also für jeden etwas im bunten Blumenstrauß der Kriegsführung zu finden. Geht es aber nach dem Willen einiger Spieler, war das alles vergebene Liebesmüh der Entwickler. Klar, würde es diese Vielfalt nicht geben, würden wohl genau diese Spieler im Forum die Hölle der digitalen Vernichtung eröffnen.

Wer sich jetzt fragt was ein META denn nun ist, dem werde nun geholfen. Sogenannte Meta-Builds sind, die rein rechnerische, Idealskillung des virtuellen ichs. Früher oder später gibt es in jedem MMO arbeitsversessene Buchhalter die in sauber gepflegten Exceltabellen erfassen mit welcher Skillung, welcher Rüstung und welcher Spielweise man maximale Schadenswerte erzielen könnte.

Soweit so gut, jeder wie er mag. Problematisch wird es aber immer dann, wenn eben jene Sachbearbeiter für den Bereich operativer Einkauf eines Staubsaugerbeutel-Zubehör-Zuliefererherstellers mit digitalem Ego verknüpft wird. Denn in der anonymen Zusammenstellung einer fröhlich witzigen Abenteuergruppe wird eben jener gern zum Kim Jong Un des MMO-Universums. Er hat „der Wahrheit“ gelesen und nur wer „dem Wahrheit“ auch kennt, ist in seinen Augen ansatzweise dafür geeignet in SEINER Gruppe spielen zu dürfen.

Der geneigte Leser mag nun mit einem gepflegten „So fuckin´what!“ reagieren, ist sich der Tragweite solch eines Meta-Vollpfosten noch nicht bewußt. Den die Kim´s der MMO-Welt sind nicht schlecht in dem was sie tun. Oftmals spielen sie gut und erfolgreich und ihre Propaganda funktioniert. Mehr und Mehr Spieler übernehmen diese Spielweise und erwarten diese auch von anderen Mitspielern. Widersetzt man sich diesem Dikatat, ist:

„WTF, Alter Metabattle.com und ltp!“

wohl noch das harmloseste was man vor dem Rauswurf aus der Instanzgruppe zu hören bekommt.

Mir persönlich gehen diese Meta-Pfosten so derbe gegen den Strich, dass ich schon dazu übergegangen bin Zufallsgruppen mit dem deutlichen Hinweis zu erstellen dass eben jene Menschen nicht gewünscht sind. In sogenannten Progress-Gilden oder Gruppen kann ich diese Mentalität ja noch verstehen, es geht jenen Spielern darum etwas möglichst schnell, als erster oder effektiv zu bewältigen. Im, nennen wir es mal, Alltagsspiel ist diese Einstellung aber meißt weder sinnvoll noch zielführend. Oftmals trifft man Spieler mit Meta-Builds, deren Spielerfahrung jedoch mäßig ist.

Weil „W4schbär-deine-Mudda“ sich die super-uber-Skillung aus dem Forum gesucht hat, verbringt man erschreckend viel Zeit damit dieses zweihirnzellige Häufchen Überskillung vom Boden zu kratzen.

Letztendlich bleibt die Frage wer hier umdenken muss. Klar, mehr Toleranz wäre sinnvoll. Aber in einer Welt in der sich Einhörner nicht mit Honigkuchen-Pferden paaren ist das ein frommer Wunsch und wird es wohl auch bleiben. Computerspiele sind lange schon nicht mehr nur bloßer Zeitvertreib, sondern auch Tummelplatz für die Über-Egos der Leistungsgesellschaft. Geschwindigkeit, Effektivität und Erfolgsdruck bleiben da nicht aus.

In meinen Augen sind hier die Entwickler gefragt. Arenanet hat in seinem Spiel Guild Wars 2 mit dem Fraktalen-System gezeigt was möglich ist. Natürlich, auch dort gilt wer ganz oben „mitspielen“ will muss sich anpassen. Aber hier locken keine sonst unerreichbaren Schätze, keine wahnsinnig wichtigen Items, hier wartet am Ende fast nur das gute Gefühl es geschafft zu haben. In niedrigeren Schwierigkeitgraden legt kaum jemand wert auf die ultimative Skillung denn es geht um gemeinsames Spiel nicht um möglichst schnellen Erfolg. Klar, auch hier kommt ab und an ein Kim Jong-Metadiktator vorbei, aber oftmals wird er mehr belächelt als ernstgenommen.

All jenen deren Wortschatz-Kiste oftmals die Worte „Casual“, „Noob“ und „Kakboon“ enthalten, sei gesagt: Meta-Builds zu spielen ist keine Kunst. Ein Großteil der Spielerschaft kann lesen, kann seine Skillpunkte entsprechend verteilen und lernt auch die häufig nicht so sonderlich schwere Rotation auswendig. Wer wirklich die Herausforderung sucht, lässt seine Gruppenmitspieler so spielen wie sie möchten und zieht sein Erfolgserlebnis daraus es „selbst mit dieser Gruppe“ geschafft zu haben.

Ich denke diese Spielweise belohnt mit viel mehr Spaß am Spiel.
Persönlich empfinde ich es als viel befriedigender eine Instanz fröhlich mit viel Spaß zu spielen, auch mit Widerständen, mit Knarren und knirschen, als das kurze Gefühl mir nach x Speedruns (inkl. „WFT, Alter Meta-Build du Noob“) ein legendäres Item bei einem Händler kaufen zu können.

 

In diesem Sinne,

Euer Erzkanzler

  • Hey Erzkanzler,

    Auch wenn ich klar auf der Seite der Meta Spieler stehe, fand ich diese Kolumne sehr gelungen und musste auch oftmals zustimmend nicken. In der Gilde funktionierts und wenn man eine Gilde hat, die sich mit dem Speedrun auseinander setzt, dann ergibt es Sinn und ist auch fordernd. Jedem Seine Sichtweise aufzuzwingen, ist aber verkehrt. Es ist ein Spiel, jeder sollte spielen dürfen, wie er mag. Solange Healing Power Guards meinem „zerker meta fullrun“-lfg fern bleiben und ich auch keinem „all welcome p1“ -lfg joine und dann meinen Senf zum spielerischen Erguss der anderen beisteuer, kann jeder in seiner Spielzeit so spielen, wie er will und niemand muss sich schlecht fühlen.
    Es lebe die Freiheit und die Vielfalt so zu sein, wie man selbst das möchte.
    Wie bei der sexuellen Gesinnung sage ich hier: Erlaubt ist was gefällt, solange Niemand Schaden nimmt.
    Hinzufügen würde ich aber gerne, dass ernsthaftes Meta spielen auch wirklich fordernd sein kann und Spaß macht. Nach mehreren erfolgreichen Versuchen hier und da mal einen Weltrekord in einem Dungeon hinzubekommen, kann ich sagen dass diese Art des Gruppenzusammenspielens enorm viel Absprache erfordert und echt schwer ist. Es reizt mich dann einfach jemand anderen unterbieten zu können und die Stunden an arbeit lohnen sich dann am Ende, weil man in der Hall of Fame landet ^^ (gw2dungeons.net/records/)
    Zustimmen möchte ich dir auch, wenn du sagst dass viele Spieler einfach nur Builds kopieren, ohne sie zu verstehen und sie dann nur halb umsetzen.
    Man selbst sollte sich mit dem Spiel auseinander setzen und verstehen, warum man das spielt, was man spielt.

    Ich werde deinen Blog mal den Lesezeichen hinzufügen und ab und zu mal wieder vorbeischauen

    Liebe Grüße vom Bati [TDN]

  • Erzkanzler

    Moin Bati,

    mein Beitrag war auch in keinster Weise dazu gedacht aktive „progress“-Spieler zu diskreditieren, Progress-Player sind mir immer willkommen. Jemand der nach 3 Jahren immer noch auf Rekordjagd ist, beeindruckt mich. Ich habe selber mal sehr „zielorientiert“ gespielt und war, so sagt man, nicht so schlecht. Doch in Randomgruppen hat dieses Erfolgsdenken meiner Meinung nach einfach keinen Platz.

    Die Grenzen des Spiels auszutesten ist ein Reiz der verständlich ist, und ja damals in Egoshooter-Zeiten sind wir auch auf Public-Server gegangen um denen mal zu zeigen wie mal „spielt“ (ok ich geb zu wir hatten einfach Spaß daran besser zu sein) aber wir hätten von einem Random-Team niemals, das erwartet, was wir in der Liga gespielt haben. Wenn ich heute in Gruppen unterwegs bin, fehlt mir eben genau diese Trennung. Wir wussten damals, wir sind überlegen, heute erwartet man das von jedem der das Spiel spielt. Man setzt seinen Standard als gebeben an.

    Klar ich rege mich auf wenn im sPvP 4 von 5 Spielern es für sinnvoll erachten auf close zu stehen bis der Punkt uns gehört… mir vor Augen zu führen wie mein eigenes erstes PvP-Game damals abgelaufen ist, mag schwer sein…. aber.. ich war auch mal so und bin es, je nach Bierkonsum, heut auch noch.

    Es ist ein Spiel, Größe einzelner zeigt sich im Umgang mit weniger erfahrenen nicht mit Betonung der eigenen Leistung.